Da nimmt man sich einmal vor, den Samstag zuhause zu verbringen, weil man den fettesten Pleitegeier ever überm Kopf kreisen hat und dann endet man 2 Anrufe später nicht in Zwegats Sendung, sondern doch wieder betrunken in zwielichtigen Kreisen.
Ich bin eine verdammte Marionette, eine willenlose Hülle ohne eigene Meinung. Zumindest fühl ich mich so, wenn die Lockrufe von Mush No.1 und Mush No.22 auf mein Gehör treffen. Ich weiß, es verheißt nichts Gutes, wenn wir drei uns vornehmen, den Laden sprengen und doch lass ich mich immer wieder drauf ein…
19:00, ich mach mich auf den Weg zur nächsten Pfandannahmestelle, um wenigstens das Geld für den Parkplatz am Bahnhof zusammenzukriegen, stell meine Rennsemmel anschließend da ab und schmeiß mich erwartungsschwanger in den Zug. Wie beim letzten Mal breitet sich unweigerlich ein Grinsen aus, das ich zu unterdrücken versuche, weil die restlichen Leute in meinem Abteil mich sonst wahrscheinlich für nen Psychopathen halten, der gleich aufsteht und irgendwas Dummes anstellt. Mein Grinsen gewinnt und bleibt, ich starre auf mein Handy und tue beschäftigt. Mir fällt ein, dass ich Bier im Rucksack hab. Ich fische also ne Weile drin rum, bis ich mein Beck’s Green Lemon finde. Mit dem Zischen des Öffnens ernte ich den ersten missbilligenden Blick des biederen Familienvaters, der seinen Kids eine Sitzreihe weiter die Welt erklärt. Ich tu so, als würd ich davon nichts mitbekommen, nippe zwei, drei mal und gucke wieder auf mein Handy. Die restliche Fahrt geht dank dem Bier recht flott rum und ich sprinte zum Haupteingang, wo Mush No.1 auf mich wartet. Von da aus gehts zu Mush No.22, die sich für den Abend allen Ernstes der Nüchternheit verschrieben hat. Allerdings nimmt sie meine vorausgegangene SMS (“Wir betrinken uns wie die letzten Motherfucker”) sehr ernst und tischt auf, was der Kühlschrank hergibt. Was da is, muss runter. Ich erbarme mich und geb mich dem Tetrapak-Wein hin, den ich vor geraumer Zeit dummerweise selber mal angeschleppt und bei ihr gebunkert hab. Damit nicht genug, da muss noch saurer Apfel hinterher und wasweißichnichtnochalles. Tja, was man verspricht, muss man halten.
Während der 10minütigen Fahrt sammelt sich alles in meiner Blase, ich bin kurz vorm Implodieren und geh wahrscheinlich schon komisch, bin aber zu betrunken, um das wirklich wahrzunehmen. Mush No.1 hat das selbe Problem und sprintet vor. Ich trotte mit Mush No.22 hinterher, wir treffen Freunde von ihr und halten an. Wenn ich auf die Toilette muss, werd ich quängelig, da könnt ihr jeden fragen, der mich kennt. Aber wenn ich betrunken bin und auf die Toilette muss, dann wirds richtig ätzend. Ich geb mir trotzdem alle Mühe, mich zusammenzureißen, mime den Kasper und kündige an, die kommende Nacht nicht in der verdammten Ritze zwischen den Matratzen zu verbringen. Nach 10min gehts endlich weiter und wir kommen an. Mush No.1 steht oben, zusammen mit den Mushs No.4a und 4b, sowie No.5; ich winke und zeige nach unten, renn an ihnen vorbei und schaffs in guter alter DB-Manier mit vornehmer Verspätung, aber trotzdem irgendwie rechtzeitig. Um 20l erleichtert, aber keinen Deut nüchterner geh ich die Mush-Gang begrüßen und wir machen uns runter in den Discoflumms-Bereich, wo sich der tanzwütige Pöbel aufzuhalten pflegt.
Soweit ich mich erinnern kann, wende ich mich mit folgenden Worten an Mush No.4b “Is hier irgendwas, weswegen es sich gelohnt hat, hierher zu kommen?” -“Ich glaub, ich muss dich enttäuschen.” Verdammt! Just in dem Moment schiebt sich mir was ins Blickfeld… Oh, warte mal… Na, wer bist du denn? Ich beäuge sie kritisch, sie mich auch. Lässig wie ich bin lass ich nicht durchblicken, dass ich zu schüchtern bin, um rüberzugehen und mach einen auf Komm doch rüber, wenn DU dich traust. Es bleibt bei den Blicken, aber die häufen sich. Sie sitzt mitten im Raum, demonstrativ, sie will gesehen werden. Von mir, wahrscheinlich nicht nur, aber eben auch von mir. Sie guckt unablässig, zündet sich eine Zigarette an und pustet den Rauch cooler aus als James Dean und der Marlboro-Cowboy es je gekonnt hätten. Mush No.1 bekommt natürlich alles mit und versucht, mich in die Richtung zu schubsen. Wir stehen locker 5min da und diskutieren, wer sie nun anspricht. Wir wollen beide, aber keine von uns traut sich. “Soll die doch kommen, die guckt doch genauso interessiert rüber!” Damit ist die Sache dann auch gegessen. Bei genauerer Überlegung fällt mir ohnehin auf, dass das Cowgirl mit seiner kilometerlangen blonden Mähne sowieso nur deshalb so interessant ist, weil es sich eben vom restlichen Optik-Präkariat vor Ort abhebt. Außerhalb des Schuppens wär sie mir also gar nicht erst aufgefallen.
Mush No.1 jedoch checkt mein abflauendes Interesse nicht und geht zu Mush No.5, die im Puff als Thekenschla…kraft arbeitet, sprich: sie kennt alles, was Rang und Namen hat. “Ey, wer is dat?” Mush No.5 nennt den Namen, ich verstehe unter dem Gewummer vom Lady-Gaga/Backstreet-Boys-Mash-Up nix, seh aber, dass Mush No.1 grinst und irgendwie das Gesicht verzieht. Sie kommt lachend zu mir und meint “Boah, gut, dass wir nicht hin sind. Die heißt Chantal*!” (*Den Namen haben wir entsprechend geändert, aber ihr richtiger ist natürlich nicht minder aussagekräftig über ihre soziale Herkunft) “Puh, nochmal Glück gehabt und ner Assibraut entgangen!” Die eigentlichen Assibräute sind wir, weil wir ein solches Denken an den Tag legen, aber sagen wir an dieser Stelle einfach, dass bei uns mit dem Suff auch das von mir eigentlich zutiefst verpönte Schubladendenken einhergeht. Tut mir Leid, aber manchmal macht das eben einfach Spaß.
Jetzt, wo ich den Namen weiß, juckt es mich natürlich in den Fingern, die Gute anzusprechen und mal anzutesten, ob sie ihrem Namen wirklich gerecht wird… Mush No.22 funkt dazwischen: “Los, es is spät! Ich hab Hunger, wir fahren jetzt!” Ich kann das Loch in meinem Magen nicht leugnen und hätte wahrscheinlich eh noch ewig gezögert, bis ich letztenendes dann doch nicht zu Chantal hin wär, also bin ich ohne zu murren mit raus. Die Kirmes im Kopf ist natürlich immer noch volle Möhre zugange und Mush No.22 scheint sich sichtlich über mich und Mosh No.1 zu amüsieren. “Ihr seid schlimmer als Kleinkinder!” Dadurch zu neuen Schandtaten angetrieben rennen wir los wie die Blöden und gröhlen Traum von Amsterdam. Dummerweise kann keine von uns den Text außer dem Refrain, aber das tut unserer Laune keinen Abbruch. Brüllen wir eben den selben Scheiß immer und immer wieder, wen juckt das schon?
10min Fahrt bis zum McAss, dead on arrival. Mein Pegel ist fast schlagartig gen null gesunken. Wir stehen an, und mit uns Leute, die tatsächlich noch dichter sind als wir es den Abend über gewesen sind. Was ne Gaudi, hier will ich nachts nicht arbeiten. Der Big Classic Cheese ist ein Monster von einem Burger. Sollte ich je neue Felgen brauchen, nehm ich einfach 4 von den Dingern. 2 Tische weiter sitzen 3 Kerle und ein Mädel. Der betrunkenste von allen schmeißt mir sein Burgerpapier über und entschuldigt sich 3 min später. Sein Promillestatus rechtfertigt die Reaktionszeit. Ich winke nur ab, bin eh nicht auf Stress aus. Er ruft mir irgendwas zu, ich antworte, wir unterhalten uns durch den ganzen Raum. Scheint niemanden zu stören, sind ja eh alle dicht. Die meisten zumindest.
Er steht auf, kommt rüber und klaut sich ein paar Pommes von mir. Dann guckt er Mush No.22 an, was ihm offenbar einiges abverlangt, genauso wie das ziel(un)sichere Greifen in meine Pommestüte, sowie das Stehen ohne sich abzustützen, und meint “Ey, der Kerl da in Schwarz, der findet dich süß! Wär der nix für dich?” Bevor sie zu Wort kommt, platzt es aus mir raus “Sorry, Junge. Du bist hier falsch. An dem Tisch sitzen 3 gottverdammte Lesben!” -“Wirklich? Ich mein… mich stört das nicht! Ist aber schade für ihn!” und zeigt auf den Kerl in Schwarz, der verlegen und ein bisschen enttäuscht grinst. Er dreht sich um und brüllt im Gehen “Leeeeesbeeeeeeeeen! Die habens selber zugegeben!” Ich muss über soviel Blödheit lachen, Mush No.22 grinst auch nur unbekümmert und Mush No. 1 wirkt leicht genervt, weil sie sich einfach nur ihren Burger reinpfeifen und dann verschwinden will… Restaurant zur goldenen Möwe verlassen, ab nach Hause.
Der Abend war an und für sich recht unspektakulär, aber doch irgendwie anstrengend. Ach, und dreimal dürft ihr raten, wo ich geschlafen habe und wie jetzt mein neuer Spitzname lautet…
Mush No.2