“Du bist lesbisch?!” Ihre Zunge und ihre Lippen schienen sich gegen die Aussprache des Wortes zu wehren. Liz nickte und schaute ihrer fassungslosen Mutter in die Augen. “Ich weiß, was das bedeutet.” Sie schob sich an ihr vorbei in ihr Zimmer und packte ein paar Sachen: Laptop, ihre Gitarre und die Tasche mit den Klamotten, die bereits seit Monaten bereit stand, seit Liz wusste, dass sie auf Frauen steht. Sie wusste, dass es irgendwann zuhause herauskommen würde und was ihre Eltern davon hielten. Ihre Mutter, immernoch unfähig sich zu rühren, hielt sie nicht davon ab zu gehen.

Liz hatte sich innerlich schon lange auf den Moment vorbereitet, sie weinte nicht, sondern ging stumm. Abschied hatte sie bereits vor einem halben Jahr genommen und sich sowieso immer mehr von ihrer Familie abgekapselt. Sie stieg in ihr Auto und fuhr los. Während sie ihr kleines konservatives Dorf hinter sich ließ, tippte sie eine SMS an Roxy, ihre Leidensgenossin und beste Freundin, die in einer größeren Stadt wohnte. Nicht wirklich riesig, aber immerhin so groß, dass es niemanden juckte, mit wem man schlief. “Stell schonmal Bier und Tequila kalt.” Roxy wusste, dass das nichts Gutes bedeutete. Bier brachte Liz zum Reden, Whiskey brachte sie auf Touren, aber Tequila ließ sie vergessen.

Liz kannte die Strecke zu Roxy im Schlaf. Während der guten Stunde die sie zu ihr unterwegs war, versuchte sie, die Gedanken mit lauter Musik auszublenden, aber Axl Rose kam mit seinem Gequake einfach nicht gegen Liz’ inneren Tornado an. Hätte sie vielleicht von Anfang an mit ihrer Mutter reden sollen? Hätte sie vielleicht eben noch etwas tun können, anstatt sie einfach nur feige und egoistisch in diesem Trümmerhaufen scheinbar gescheiterter Erziehung zurückzulassen? Noch bevor sie eine Antwort auf die Fragen bekam, saß sie schon bei Roxy auf dem Sofa und schüttete ihr Herz aus.

Roxy war abgebrüht, hatte sie doch bereits Jahre zuvor das Gleiche durchgemacht. Sie war mit 17 von zuhause rausgeflogen, weil ihre Mutter sie dabei erwischt hatte, als sie mit ihrer “besten Freundin” am Knutschen war. Nun, 3 Jahre später, hatte sich das Verhältnis zu ihrer alleinerziehenden Mutter zwar wieder entspannt, aber Roxy zog es trotzdem vor, allein zu leben. Ihre Wohnung war klein, aber ordentlich. Einzig das Bett war immer zerwühlt von der Nacht davor, und an Roxys Pinnwand hingen etliche Zettel mit Telefonnummern und vereinzelt auch ein paar Slips oder andere Erinnerungsstücke von ihren Eroberungen. An den Wänden befanden sich ein paar Bilder von Freunden und Roxys technische Ausstattung zeugte von einem ordentlichen Gehalt. Generell schien sie auf Qualität großen Wert zu legen, außer bei den Mädels, denen sie jede Nacht das Herz brach. Hauptsache, sie musste nicht alleine schlafen.

Liz war zwar ein ähnliches Kaliber, musste aber bisher den Ball flach halten, weil sie ja nie jemanden mit nach Hause nehmen konnte. Sie wusste von vornerein genau, worauf sie stand. Reife Frauen mit Geld hatten es ihr besonders angetan. Jene, die allein in Urlaub fuhren, um Ruhe vor ihrem Mann zu bekommen und verborgene Sehnsüchte auszuleben. Liz bot sich gerne an. Sie liebte es, das Toygirl zu sein, teure Whiskeys spendiert zu bekommen und einfach nur begehrt zu werden. Sie war die hübsche stille Deko, die in den richtigen Momenten das sagte, was ihre Begleiterinnen hören wollten. Liz war keine Prostituierte, sie tat es nicht des Geldes wegen, sondern weil sie diese Frauen liebte. Jede einzelne, für die Dauer ihrer einen gemeinsamen Nacht.

Während Roxy Liz tröstete und darauf achtete, dass sie nicht zuviel trank, klingelte auf einmal Roxys Handy. Es war Julia, die es Roxy wirklich angetan hatte. Die einzige Frau, hinter der sie her war und die sie noch nicht bekommen hatte. Dafür wär sie Roxy auch zu schade gewesen, war Julia doch tatsächlich etwas besonderes. Irgendwie durchtrieben, dem Trinken und Feiern alles andere als abgeneigt, allgemein beliebt und bekannt und doch emotional so introvertiert, dass niemand sie wirklich kannte. Dieses Mysterium, das sie umgab, war wohl auch der Grund warum Roxy so interessiert an ihr war.

“Bei mir, in einer Stunde.”

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